Andy Warhol und die Entstehung der Pop-Art

Andy Warhols Medienruhm hat häufig vergessen lassen, daß er einer der ernsthaftesten und wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts war. Er veränderte die Art, wie wir die Welt um uns herum und die Kunst wahrnehmen.

Warhol war einer der ersten Künstler, die bemerkten, dass die Kunst von Fernsehen, Mode und Film vereinnahmt wird und er begann, sich mit der Kunst unter diesem Gesichtspunkt auseinanderzusetzen. Jede Quelle war legitim - von der Sensationspresse bis zu Fotos aus dem Verbrecheralbum. Er verschmolz das Gemälde mit Illustrationen und mechanischen Reproduktionstechniken, die er in seiner Zeit als Werbegraphiker kennengelernt hatte. Als einer der ersten Künstler, die so arbeiteten, bereitete er den Weg für die folgende Generation. Wenn sich Massenmedien und populäre Kultur die Kunst aneigneten, mußte die Kunst diese ihrerseits benutzen.

Die Pop-Art, die Verkörperung seines Konzepts, entstand 1960 in Amerika. Obwohl die Presse sie zunächst ignorierte, wurde die Pop-Art 1962 mit zurückhaltendem Lob, viel Missbilligung und großem Tamtam vorgestellt. Ab dem darauffolgenden Jahr wurden Pop-Arbeiten überall ausgestellt, publiziert und als kulturelles Phänomen wahrgenommen. Unter den amerikanischen Pop-Künstlern war Warhol der allererste. Er blieb der Pop-Technik und -Ikonographie, die er für sich selbst entwickelt hatte, während seiner gesamten Laufbahn treu.

Trotz seiner künstlerischen Leistungen erinnern sich viele Menschen an Andy Warhol vor allem wegen seiner glamourösen Auftritte, seiner Fähigkeit, immer zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Er schuf Porträts von zahllosen internationalen Berühmtheiten: Politikern, Sportlern, Musikern, Filmstars und Königen. Fast jeden Abend ging er mit einem glitzernden Schwarm von "beautiful people" aus und er stellte fest, dass er durch seine Kunst, seine Filme und die Zeitschrift Interview die Macht hatte, Superstars zu lancieren. Gleichzeitig gelang es ihm, sich vor der Öffentlichkeit zu verstecken und sowohl eine öffentliche wie auch eine private Persönlichkeit zu bleiben. Seit seiner Kindheit scheint Warhol versucht zu haben, eine andere Identität anzunehmen. Er wollte körperlich und gesellschaftlich eine andere Person sein, vielleicht eine, wie sie im Film, im Radio oder in den Illustrierten und Zeitungen präsentiert wurden. Seine Begeisterung für Schönheit und Starkult wird bereits in seinen frühen Werbegraphiken aus den fünfziger Jahren deutlich. Er schuf zahlreiche faszinierende Illustrationen für Kosmetika und Mode, einschließlich einer heute berühmten Serie von Schuhzeichnungen, die angeblich das Schuhwerk von Stars wie Mae West, Elvis Presley oder Zsa Zsa Gabor wiedergaben. Seine späteren Arbeiten sind häufig eine Hommage an den Ruhm - etwa in den einflussreichen Prominentenporträts - oder an einen eher schlechten Ruf - wie bei der Serie der zehn meist gesuchten Männer Amerikas. Hollywood lieferte Andy Warhol viele Themen für seine frühen Pop-Ikonen und in den sechziger Jahren begann er, eigene Filme zu drehen. Er unterstützte eine ausgelassene Rock-andRoll-Band mit dem Namen "Velvet Underground"; sein New Yorker Atelier "Factory" zog zahllose junge Leute an. Es war ihm gelungen, sich durch seine Kunst den Traum vom Ruhm eines Megastars zu erfüllen.

Von Anfang an setzte Warhol auf die Macht des Bekannten und in der Tat ist eine der wichtigsten Qualitäten seiner Bilder ihre extreme Offensichtlichkeit: die berühmtesten Markennamen (Campell's Soup, Coca Cola), die berühmtesten Persönlichkeiten (Elvis, Marilyn Monroe), die berühmtesten Gemälde (die Mona Lisa) und die vertrautesten Alltagsgegenstände (Geld, Zeitungen). Warhols Kunst lehrt uns, unsere Gegenwart mit all ihrem Reichtum und ihrer Trivialität zu akzeptieren.